Wenn es zum Leben einen Beipackzettel gäbe, würde niemand damit anfangen.
(Johannes Gross)


Urlaub und weiter

Urlaub, zum ersten Mal fliegen, dann Almeria, die Luft, heiß und voller Gerüche nach Meer und Sand, Fisch und Staub, unverkennbar, sie waren angekommen. Susi konnte sich nicht satt sehen; ödes, trockenes Land, ohne eine ein­zige Wasserstelle, ohne Bäche oder Flüsse, alles ausge­saugt von der brütenden Sonne, die keine Regenfälle dul­dete … bizarres Land, Berge voller Schroffheit, aber voller Faszination, als wäre man auf dem Mond; keine Pflanzen, überall herumliegender Müll, flatternde Plastiktüten, zer­drückte Dosen säumten die Straßen und doch, alle ver­liebten sich sofort in dieses Stückchen Erde, das einfache Haus, das Ralf ihnen überließ, mit dem Blick weit über das Meer, direkt vor der Tür und doch entfernt, standen sie doch auf einem Felsen, „unser Piratenfelsen“ lächelte Susi, denn sie hatte gelesen, dass diese bergige Küste früher die Schlupfwinkel der Piraten barg, Höhlen tief in die Felsen getrieben, von Menschenhand erweitert oder auch im na­türlichen Umfang in Besitz genommen. Angekommen!
Schwimmen im Mittelmeer, Tapas essen in kleinen Hütten am Strand, die Gegend erkunden mit dem Leihwagen, sich braungebrannt in die aufschäumenden, sich an Steinen und Felsen brechenden Wellen werfen, tragen lassen, mit Tina Muscheln und Steine suchen, so viel erleben, die Zeit ver­flog, doch jeden Abend lag Susi im Bett und schrieb ihre Erlebnisse in kleine Kladden, berichtete dem geliebten Mann über ihre Wünsche und Gefühle, ihre Sehnsucht. Die Entfernung, keine Möglichkeit zu telefonieren, nicht den Mut, ihm zu schreiben, wie auch, wohin? Sicher die Un­möglichkeit sehend, auch aus der Vorsicht heraus, aus dem Respekt, den man der Ehefrau doch zollte.
Als schon nach der ersten Woche drei Büchlein voll ge­schrieben waren, schickte sie diese an Ralf, mit der Bitte, sie weiterzuleiten, eventuell nach einem Telefonat mit Georg … sie schrieb Namen und Nummer auf, schickte alles dann gleichzeitig mit einer Ansichtskarte an Georg ab. Die Karte schrieben Thommi und Erika als Urlaubs­gruß mit dem Hinweis, sich doch bitte mal bei Ralf zu melden wegen abzuwickelnder Geschäfte …
Aufatmend gab Susi alles bei der Post ab, Päckchen, Per Eilboten, Luftpost … nun würde er ihre Aufzeichnungen, ihre Nachricht bekommen.
Am nächsten Tag, sie waren früh vom Strand zurückge­kommen, weil das junge Pärchen allein einen Ausflug ma­chen und Susi mit Tina relaxen wollte, klopfte es ver­nehmlich an der Haustür und ein Postbote übergab ihr ein dickes Bündel Briefe “Luftpost ‑ per Eilboten ‑ Express“ stand dick darauf zu lesen. Die Handschrift… unverkennbar… Flimmern vor den Augen… Herzrasen, bummbumm, bummbumm … die Hände zitterten…stocksteif stand sie da…
„Mama…!“
„Ja Tina, ich komme gleich, mal noch ein wenig, ich muss eben die Post lesen …“
Bummbumm, bummbumm – durchatmen, Vorsicht, nichts zerreißen, und dann hielt sie sie in den Händen, Briefe von ihm, zeugend von Liebe, von Sehnsucht … wie lange sie trotz der vielen Aufkleber, die Eile geboten, unterwegs gewesen waren.
Oh weh, wenn ihr Päckchen auch weit über eine Woche unterwegs sein würde, wäre sie selbst fast gleichzeitig mit der Post bei ihm. Susi hielt die Briefe an ihr Gesicht, als könne sie den Geruch des Mannes noch wahrnehmen, als hätte sie ihn dann bei sich, nah, ganz nah, sie sah ihn vor sich, schloss die Augen, um ihn noch näher zu holen, doch endlich wollte sie auch lesen, was er ihr schrieb.
Und schon der Briefkopf ließ Susi lächeln, denn sie hatte ihn schon gesehen. Es waren die Briefbögen seiner Firma, die sich einen Gag hatten einfallen lassen, der ihr gefiel. Wieso hatte er diese Briefbögen gewählt? Ach ja, sicher schrieb er nicht zu Hause die Briefe, sondern unterwegs, in einem Hotel, in einer Gaststätte, im Büro???
Sie konnte die Briefe nicht entziffern, so aufgeregt war sie, immer wieder drückte sie diese an sich, nahm einen Schluck Wasser, noch einen… setzte sich auf den Stuhl und entfaltete den ersten Brief, strich ihn glatt…


       ... unterm Strich betrachtet …

… ist es das Glück, das uns von mehr Fehlern heilt, als es der Verstand je vermag.
Susi, mein Herz,
ich möchte Dir gerne einige Gedanken zu diesem Satz, den ich voll auf mich beziehen kann, mitteilen.
Da der Gedanke, Dir zu schreiben spontan kam, habe ich leider kein anderes Briefpapier zur Verfügung
Dass wir uns lieben, das wissen wir. Aber wahrscheinlich ist es für uns beide nicht einfach, den Begriff Liebe genau zu definieren. Sicher sind es tausend Kleinigkeiten und die gleiche Anzahl großer „Dinge“, die zusammentreffen und auch noch zusammenpassen müssen.
Wie bei uns. Ich liebe dich.
Trotzdem möchte ich einen Punkt besonders erwähnen, weil er sicherlich ungeheuer dazu beigetragen hat, dass ich mir so sicher bin, Dich zu lieben. Der mich wissen lässt, dass niemals etwas Ähnliches war, niemals etwas Anderes wichtig werden lässt und mir die absolute Ge­wissheit gibt, dass wir zusammengehören. Ich spreche von Vertrauen.
Vielleicht kannst Du das heute noch nicht ermessen; aber wenn ich, der Skeptiker, der Zweifler, der Oberflächliche, der Beziehungen zu Frauen teilweise als Sport betrachtete, plötzlich zu einer (wundervollen) Frau uneingeschränktes Vertrauen habe, so war das zu Anfang unserer wunder­vollen Liebe schon etwas, was mich von einer Verwirrung in die andere stürzte.
Ganz zu Anfang, die Messe dauerte noch an, habe ich mir, als ich die Veränderung bei mir spürte, natürlich meine Gedanken gemacht. Ich finde, Du hast das Recht, sie zu erfahren.
Ich stellte verwirrt und bestürzt fest, dass ich nicht so wie bisher oberflächlich war, sondern dass da etwas war, was ich wohl noch nicht begriffen hatte. Zugleich merkte ich aber auch, dass ich dabei war (wenn du beim Abschied nach der Messe anders reagiert hättest) auf die Verlierer­seite zu wechseln.
Bisher war es doch so, dass es bei mir noch nie wehgetan hatte und mit ein paar smarten Sprüchen hatte ich mich auch immer über den Schmerz, den andere eventuell emp­funden haben mögen, hinweggesetzt.
Hier interessierte mich plötzlich ein ganz anderer Aspekt.
Das Ende der Messe. Der Abschied. War das Ganze mög­licherweise nur aus einer Stimmung von Dir entstanden, weil ich Dich kennen lernte, als Du Dich vielleicht gerade besonders einsam fühltest?
Würdest Du gar zum Abschied sagen: Es war nett, aber … Wohin dann mit meinem Schmerz. Es half mir nicht ge­rade, dass wir das Thema Abschied peinlichst vermieden.
Aber mein Liebling, was hier einige Seiten füllt, waren die Gedanken von Minuten, bestenfalls Stunden. Geblieben ist das große Vertrauen, dass ich zu Dir habe und welches Du mir entgegenbringst.
Ich liebe Dich und ich brauche Dich.
Manchmal habe ich das Gefühl, es vor Sehnsucht nach Dir nicht mehr auszuhalten. Ich darf gar nicht mehr an das letzte Wochenende denken. Oder an meinen kommenden Urlaub mit Familie. Aber das sollten wir beide auch nicht tun. Denken wir lieber an Deine Rückkehr und die beiden Tage, die wir dann zusammen haben werden. Ich verspre­che dir einen süßen Muskelkater.
Gib Tina ein Küsschen von mir.
Ich liebe Dich und bin bei Dir
Georg


       ... unterm Strich betrachtet …

Bin ich, bei aller Ungeduld, die mich erfüllt, überzeugt da­von, dass die vor uns liegenden Schwierigkeiten mir auch helfen, unser Glück nicht als etwas Selbstverständliches hinzunehmen.
Mein Liebling, wenn ich an diesem blöden Tag schon nicht mit Dir telefonieren kann, sollen diese Zeilen Dich daran erinnern, dass ich dich liebe und in Gedanken bei Dir bin.
Mir klingeln die Ohren, Du scheinst wirklich an mich zu denken.
Da die Ausstellung, bei der ich heute bin, gut besucht ist, kann ich heute nicht mehr schreiben. Ich weiß, dass Du das verstehst.
Ich denke an Dich, ich liebe Dich und bin in Gedanken bei Dir. Küsschen an Tina
Georg

Susi atmete tief durch, denn die Worte trafen ganz tief ihr Herz. Nie zuvor hatte sie so innige Worte gelesen, zumin­dest waren nie solche an sie gerichtet gewesen und ein wunderbares warmes Gefühl breitete sich aus, umfasste sie, ließ Träume von Gemeinsamkeit aufkommen, die sie sich aber immer wieder verbot, von sich wies … na ja, ein wenig träumen … ja sicher, das musste doch erlaubt sein.
Wie schön wäre es gewesen, wenn sie sich schon viel eher getroffen hätten, vielleicht wäre ihr Leben … ach Quatsch! So konnte man nicht denken, dann hätte sie vielleicht Christina und er seine beiden Kinder nicht und dennoch … vielleicht hätten sie schon mehrere gemeinsame?
Sie erschauerte, riss sich zusammen, es gab noch so viel zu lesen.

       ... unterm Strich betrachtet…

bin ich immer unruhiger, immer erwartungsvoller.
Meine über alles geliebte Susi,
ich liebe Dich und habe unendliche Sehnsucht nach Dir. Mein einziges Problem ist zurzeit nur, diesen Deinen Ur­laub zu überstehen, ohne verrückt zu werden.
Ich hoffe, meine geliebte Kleine, es geht Dir besser und Dein Kreislauf hat sich durch das Schwimmen stabilisiert.
Erhole Dich und denke nur halb so viel an mich, wie ich an Dich, dann ist das schon eine ganze Menge.
Ich liebe Dich und bin in Gedanken nur noch bei Dir. Diese drei Wochen können uns aber nichts anhaben. Trotzdem weiß ich schon seit dem zweiten Tag, dass ich Dich nie wieder so lange alleine fort lasse.
Komm gesund und gut erholt wieder.

In großer Liebe Georg

Viele Grüße auch an Thommi und Erika
       ... unterm Strich betrachtet …

Gibt es gegen Dich kein anderes Rettungsmittel als die Liebe.
Mein Liebling, nun bist Du schon eine halbe Ewigkeit fort und mein Verlangen, meine Sehnsucht nach Dir werden immer stärker.
Ich kann mich kaum konzentrieren und denke immerzu an Dich.
Nachdem ich den gestrigen Brief an Dich abgeschickt hatte, rief ich Helga an, nur um jemanden zu haben, mit dem ich über Dich reden konnte. Was soll das noch wer­den, vielleicht besuche ich noch Deine Eltern oder tue et­was ähnlich Verrücktes.
Ich liebe Dich, Du fehlst mir so sehr.
Heute hatten wir Meeting und ich habe den Werner, Du erinnerst Dich, vor dem Rausschmiss gerettet. Ausgerech­net ich. Mit mir scheint wirklich etwas nicht zu stimmen.
Pass bitte gut auf Dich auf und leg Dich nicht so sehr in die pralle Sonne. Du hast mir blass immerhin ja auch ge­fallen. Ich bestehe nicht darauf, dass plötzlich eine “Schwarze“ zu mir zurück kommt. Vergiss Deine Medizin nicht. Ich muss gestehen, dass ich mir doch einige Gedan­ken um Deine Gesundheit mache.
Bitte mein Schatz, leite aus der raschen Folge der Briefe keine Gesetzmäßigkeit ab. Ich weiß nicht, wie oft ich in den nächsten Tagen bei dem Mammutprogramm dazu kommen werde, Dir zu schreiben. Aber sei sicher, dass ich es sofort tue, sobald ich Gelegenheit dazu habe.
Nur gut, dass die Fußballweltmeisterschaft zurzeit läuft, da kann ich fernsehen, wenn ich frei habe bis Mitternacht. Du weißt ja, Fußball ist kein Konkurrent für Dich, aber ich interessiere mich „beiläufig“ dafür. Liebling streng Dich bitte mal wieder etwas mehr mit dem an mich Den­ken an, denn das Ohrenklingeln ist nur schwach wahrzu­nehmen.
Ich liebe Dich und bin Dein
Georg
Viele Grüße an Erika und Thommi
Küsschen an Tina


       ... unterm Strich betrachtet …

wirst Du es wahrscheinlich niemals ganz ermessen kön­nen, was Du mir mit diesem Urlaub „angetan“ hast!
Mein Liebling, es vergeht kein Tag, an dem ich Deine Ab­wesenheit nicht schmerzlich spüre. Ich zähle nicht die Tage, sondern inzwischen schon die Stunden. Es macht mich ganz verrückt, nicht einmal Deine Stimme hören zu können, Dich überhaupt nicht erreichen zu können. Es macht mich richtig krank.
Ich liebe Dich und brauche Dich so sehr. Du fehlst mir!!! Bitte schreibe mir! Hauptpostlagernd Bottrop, SUPEREILBRIEF!!!
Wenn ich nicht bald einen Brief von Dir bekomme, mein Engel, weiß ich nicht, wie ich die Zeit überstehen soll.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so empfinden würde, dass alles andere so unbedeutend sein würde. Immer hatte ich „Freundinnen“, die ich achtlos nahm und wieder „ab­schoss“, wie es mir gerade gefiel. Nie waren Gefühle im Spiel, zumindest nicht bei mir und so habe ich wohl schon viele Menschen verletzt, ohne mir darüber Gedanken zu machen.
Ich kenne mich nicht wieder, ich kann nicht sagen, wie sehr ich Dich liebe. Ich denke, es ist das erste Mal in mei­nem Leben, dass ich überhaupt so tiefe, innige Gefühle für einen Menschen empfinde. Ich möchte neben Dir liegen, Dich riechen und schmecken, mit Dir reden und lachen, wie herrlich dann Deine Zähne leuchten und wie unbe­schwert Du dann immer wirkst.
Dann Deine Augen, sie sind so wunderschön, so warm und manchmal auch etwas traurig, aber auch mit tausend klei­nen Teufeln besetzt, wenn Du mich auf die Schippe nimmst. Ich liebe Dich, ich liebe Dich, ich liebe Dich.
Achte auf Dich. Erhol Dich gut und denk an mich
In Liebe und Sehnsucht Georg

       ... unterm Strich betrachtet…

Helfe ich Dir natürlich nicht, wenn ich Dir schreibe, wie schlecht ich die Trennung überstehe, aber immerhin soll­test Du von mir immer die Wahrheit erfahren.
Mein geliebter Schatz,
seit dem Tag Deiner Abreise vergeht die Zeit überhaupt nicht. Ich bekomme sie nicht herum, ohne von Dir zu hö­ren. Hilf mir, schreibe mir ganz schnell. Erinnerst Du Dich noch an Dein Beispiel vom Krieg. Sicher waren da die Liebenden lange getrennt, nun, mir kommen diese drei Wochen vor wie der dreißigjährige Krieg.
Wenn ich nicht bald von Dir höre, lese, werde ich diese Ewigkeit nicht unbeschadet überstehen. Bei allen klugen Sprüchen wusste ich natürlich, dass Du mir fehlen wirst; aber so schlimm hatte ich es mir dann doch nicht vorstel­len können; Du siehst, Deine Bedenken, die Du Helga ge­genüber geäußert hattest, waren unbegründet.
Seid Ihr vier schon schön braun? Ich hoffe, Du nicht zu sehr, sonst habe ich Hemmungen, mich unbekleidet zu Dir zu legen.
Bitte achte auf Deine Gesundheit und vergiss nicht, Deine Tropfen zu nehmen. Ich mache mir Sorgen um Dich und es macht mich rasend, nichts von Dir hören zu können. Ich liebe Dich von ganzem Herzen und kann es kaum erwar­ten, bald aus Deinem Mund etwas Ähnliches zu hören.
Eines hat dieser unglückselige Urlaub jedenfalls noch einmal nachdrücklich klar gemacht. Ich kann, will und werde ohne Euch nicht mehr leben.
Es gibt für mich keine Alternative mehr.
Ich liebe Dich und bin in Gedanken bei Dir!
Georg
Grüße an Erika und Thommi, Küsschen für Tina

Susi schluckte, ihr Herz raste, Tränen rollten…
„Mama, du weinst ja!“ „Ach was, Schätzchen, mir ist eine Fliege ins Auge geflogen.“ Und sie lächelte das besorgt schauende Kind an, dass diese beruhigt weiter malte.

       ... unterm Strich betrachtet
Frage ich mich heute nicht mehr wie, sondern ob ich ge­lebt habe, bevor ich Dich traf.
Meine geliebte kleine Susi,
nun hoffe ich, dass doch die Zeit noch vergeht.
Die Abende bekomme ich einigermaßen herum. Immer noch laufen im Schnitt sieben Stunden Fußball im Fernse­hen. Aber selbst dabei muss ich immer an Dich denken. Auch arbeitsmäßig habe ich mir ein Riesenpensum vorge­nommen, muss allerdings zugeben, dass ich selbst dabei Dich nicht aus dem Kopf bekomme und meine Arbeit mehr schlecht als recht erledige. Ich habe riesenhafte Probleme, mich zu konzentrieren.
Es wird jeden Tag ein wenig schlimmer und im Augenblick nicht gerade schöner. Ich vermisse Dich so unendlich.
Mein lieber Schatz, Du weißt, dass ich Dich unendlich liebe und sehnsüchtig auf Deine Rückkehr warte. Diese blöden Wochen dehnen sich wie Gummi.
Weißt Du übrigens, dass Ihr beim Rückflug zweieinhalb Stunden Verspätung haben werdet? Nein? Ich aber, also noch länger warten.
Die Bedienung in diesem Cafe sieht mich schon richtig mitleidig an. Wahrscheinlich bekommt sie solch einen An­blick nicht jeden Tag geboten. Da sitzt einer am Tisch, vor sich ausgebreitet sechs Fotos, stiert auf die Bilder, schreibt ein paar Worte, stiert … schreibt … usw.  ich habe auch so einen noch nicht gesehen.
Am Samstag hielt ich es nicht aus, da habe ich mir die Te­lefonnummer von Deinem großen Bruder aus dem Tele­fonbuch rausgesucht und mich mit ihm verabredet. Was war ich froh, mal wieder mit jemandem reden zu können, der Dich auch liebt, das konnte man merken.
Dann war ich bei einem Bekannten und habe nur von Dir erzählt. Er meldete Bedenken an und spielte auf meine Familie an. Aber ich sagte ihm, dass ich weiß, dass Du meine Söhne mit offenen Armen aufnehmen wirst, wenn Du sie kennen lernst
Ich brenne darauf, Dich in meine Arme nehmen zu können.
In Liebe und Sehnsucht
Georg


       ... unterm Strich betrachtet…

 … ist es mehr als Liebe.
Es wird jeden Tag etwas schlimmer – aber auch schöner.
Mein Liebes, ich habe schon lange aufgehört, nach logi­schen Erklärungen zu suchen. Es ist ganz einfach wunder­schön. Du musst nur etwas Geduld mit mir haben.
Obwohl ich mir sicher bin, dass meine beiden Mädchen keine Gedankenstütze brauchen, schicke ich Euch diese Fotos.
In Gedanken bin ich immer bei Euch und es ist gerade so, als hätte es vorher nie etwas anderes gegeben. Sicher ist jedenfalls nur eines, dass alles, was nichts mit Euch zu tun hat, völlig an Bedeutung verloren hat.
Ich glaube, ich bin mittlerweile Weltmeister im Abspielen von „Babylon“.
Ich liebe Dich und freue mich riesig auf Freitag.
Wunderbar, dass Erika und Thommi Tina mit nach Hause nehmen und wir zwei ganze Tage für uns haben werden.


Ich umarme und küsse Dich
Georg
Küsschen an Tina


Wieder Tränen in den Augen, Glücksgefühl überwältigend, Rüh­rung, wie er fühlte, was er dachte. Sie hatte nicht damit ge­rechnet, dass die Gefühle bei ihm genau so übermächtig waren wie bei ihr, denn sie hatte ganz klar für sich ent­schieden gehabt, nicht an eine gemeinsame Zukunft zu denken, sie zu erhoffen, denn nie hätte sie sich in eine Familie drängen wollen. Und nun hatte sie es wohl doch gemacht.
So begierig, den nächsten Brief öffnen; sie hatten unter­schiedliche Absende Stempel, waren aber alle gesam­melt angekommen. So viel Freude nach der unendlichen Sehnsucht der vergangenen zwei Wochen. Aber er fühlte nicht anders, er wartete auch auf ein Lebenszeichen, sie hatte nicht gewusst, dass Post so lange unterwegs sein konnte, bei der relativ geringen Entfernung. Nun konnte sie nur hoffen, dass er auch bald ihre Post in Händen hal­ten würde. Wie dumm von ihnen, nicht vor dem Urlaub sich auf postlagernde oder andere Anschrift geeinigt zu haben, aber sie hatte ihm glücklicherweise die spanische Anschrift gegeben, auch wenn sie meinte, in den drei Wochen würde er vielleicht zu sich selbst und zu seiner Familie zurück finden.
Doch nun war der Urlaub fast herum. Auch für Susi zogen sich nun die letzten Tage wie Gummi und so war sie sehr froh, die Koffer packen zu können, dankbar zwar über die herrlichen Urlaubstage mit gemeinsamem Erleben in Frie­den und Einigkeit mit Bruder und Freundin, aber auch mit den Schmetterlingen im Bauch, der Unrast, dem Entgegen­fiebern, der fast schon schmerzenden Sehnsucht, dem Verlangen.


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„Komm, reich mir doch mal die Bürste, das ist die letzte Bahn.“ Hoch auf der Leiter, die Haare zu einem Pferde­schwanz gebunden, mit ein paar Kleister - und Farbspritzern auf dem T-Shirt stand Susi und klebte die Mustertapete fest, die der Abschluss einer langen Woche mit vielen zu tapezierenden und zu streichenden Wänden war, wobei Helga ihr sehr geholfen hatte. Noch einmal mit der Bürste drüber, mit dem Tuch die Nähte nachwischen, runter von der Leiter.
„Fertig.“ Susi strahlte, ein wenig blass um die Nase unter der Sonnenbräune, dunkle Schatten unter den Augen, aber fröhlich, denn was sie sah, konnte sie nur froh stimmen.
„Komm, wir haben uns jetzt einen Platz an der Sonne ver­dient.“ Die beiden jungen Frauen nahmen ihre Wasserfla­schen und setzten sich auf die große Terrasse. Ihre Blicke gingen weit hinaus, denn sie hatten freie Sicht über das ganze Tal … Osterwald, hoch auf der Anhöhe, ließ die Schienen und den Zug im Saaletal, die Häuser wie Spielzeug erscheinen. Schön bewachsen der Garten, den sie mit nut­zen durften, was ja gerade für die Kinder so wichtig sein würde.
„Ihr habt ja absolutes Glück mit der Wohnung gehabt, für den Preis über einhundert Quadratmeter Wohnfläche, dann noch die kleine Wohnung für eure Oma nebenan, besser geht es wirklich nicht.“
Helga war begeistert und Susi nickte. Ja, das war schon ganz besonderes Glück gewesen. Zwar sehr abseits, aber sie hatten ja das Auto. Es war eine Souterrainwohnung, aber durch die Hanglage mit großen Fenstern nach allen Seiten und einem eigenen Eingang.
Man kam in den Windfang und dann in den großen Flur, der L-förmig angelegt war. Gleich links lag die große Kü­che von zwanzig Quadratmetern, wirklich Platz zum Essen für eine große Familie und auch noch für Besuch. Daneben war ein großer Abstellraum, der dann auch als Waschkü­che und Vorratsraum dienen sollte. Eine Gästetoilette würde sehr hilfreich sein, wenn alle da waren, denn bald, in den Herbstferien, sollten Georgs Söhne zum ersten Mal kommen, dann musste alles fertig sein. Betrat man das rie­sige Wohnzimmer von fünfundvierzig Quadratmetern, sah man zuerst die fast vier Meter lange Fensterfront, die den Blick über Terrasse und Garten vom Osterwald runter in das Saaletal freigab. An der anderen Seite des L ging es in das Schlafzimmer, das nur Platz haben würde für das große Bett, denn der Kinder wegen musste das zwanzig Quadratmeter große Schlafzimmer als Kinderzimmer ge­nommen werden. Da aber der Flur lang und breit war, passten Susis drei Meter grüne Kleiderschränke sehr gut in die Nische und dazwischen konnten sie noch einen Spiegel hängen und Garderobenhaken anbringen. Das Baby würde erst einmal, wenn es geboren war, tagsüber in seinem Stu­benwagen im Schlafzimmer liegen, nachts konnten sie es in das Wohnzimmer schieben. Im auch sehr hellen, gro­ßen, strahlend weiß gefliesten Badezimmer gab es neben der Badewanne zu Susis großer Freude auch eine Dusche.
Über die Terrasse erreichte man die zwei kleinen Zimmer mit Bad, die für die Oma vorgesehen waren, auch sehr hell mit der großen Terrassendoppeltür. Dort würde ihr Bett stehen, damit sie rausschauen konnte.
„Hey, was ist los? Was heulst du denn?“ Helga umarmte Susi.
„Ach, ich bin einfach nur so froh, dass wir so eine schöne Wohnung gefunden haben. Sie kostet nur fünfhundertfünf­zig Mark warm, ich kann es immer noch nicht fassen. So­viel musste ich in Letter auch für die beiden viel kleineren Woh­nungen zusammen zahlen.


August 1978

Umzugstag! Viele kleine Kartons hatten Georg und Susi schon immer mal zwischendurch in die neue Wohnung ge­bracht. Nun war es soweit, der Abschied von Letter und Einzug in ein neues Zuhause, der Beginn eines neuen Le­bensabschnitts. Viele Helfer hatten sich gefunden, denn in zwei Tagen, am ersten September war nicht nur Georgs 30. Geburtstag, nein, sie fuhren nach Kirchhellen, weil Thommi heiraten würde. So war strammes Programm, doch jeder der Freunde half, wo er nur konnte. Die Lette­raner beluden den Umzugswagen, die Frauen machten die Schlussreinigung. Susi hatte sich schon von allen verab­schiedet, Tina zur Schwägerin gebracht, denn Martin und Silke wohnten nur drei Kilometer von ihrem neuen Zu­hause entfernt.
Martin, Thommi, trotz der bevorstehenden Hochzeit und Ralf, der inzwischen geschieden war, halfen vor Ort, um dann auch anschließend gleich wieder die Heimreise an­zutreten.
Georg hatte aus der ehelichen Wohnung eine alte Gründer­zeituhr, einen Regulator und einen englischen Sekretär ab­geholt, die nun auch schon einen schönen Blickfang in dem großen Raum abgaben, auch seine Bücher und einige Bilder hatten ihren Platz gefunden. Ansonsten wollte er den gesamten Hausrat seiner Frau überlassen, es war ja alles vorhanden, was sie benötigten.
Susis Möbel passten hervorragend in den großen Raum, auch für das Doppelschlafsofa fand sich eine schöne Ni­sche, konnte ausgeklappt werden, wenn mal Besuch über­nachten würde.
Am Abend, als alle Möbel standen, Susi auch schon einige Bilder aufgehängt hatte, Tina im neuen Zimmer schlief, nahm Georg Susi in den Arm, reichte ihr ein Glas mit Sekt:
„Komm, lass uns anstoßen auf das neue Leben, auf immer glückliche Zeit, auf ein Miteinander und ein Füreinander. Ich liebe dich und bin unendlich glücklich.“
Sie stießen an und Susi führte ihn an einen kleinen Tisch, auf dem sie Kerze und ein einige Geschenke aufgebaut hatte, denn es war Mitternacht, 1. September, er hatte Ge­burtstag.

Thommis und Erikas Hochzeitsfeier fand nach der stan­desamtlichen Trauung in deren Wohnung statt, nur die engste Familie, also Eltern, Geschwister und deren Partner waren eingeladen. Im Wohnzimmer war eine große Tafel aufgebaut und an der einen Wand fand das Büffet Platz. Erika sah umwerfend aus in ihrem schmal geschnittenen, cremefarbenen Kleid, das ihre schlanke Figur umfloss und dem gleichfarbigen, breitkrempigen Hut, der ihren leichten Afrolook krönte.
Georg hatte die Übernachtung in der Wohnung einer Be­kannten organisiert, die bei ihrem Freund schlief. So konnten sie abends nach der Feier noch auf seinen Ge­burtstag mit einem Glas Wein anstoßen, von dem Susi al­lerdings nur nippte, da sie ja an das ungeborene Kind den­ken musste.

Der Alltag war schnell eingekehrt. Georg hatte Arbeit ge­funden und Susi wurde runder. Lebhaft war das Kind im Leib zu spüren, immer wieder gestreichelt von seinen El­tern, für Susi eine völlig neue Erfahrung, dass Georg so sehr Anteil nahm, den Bauch abtastete, hier nach dem Köpfchen, da nach einem ausgestreckten Fuß. Dieses ge­meinsame Freuen auf das Kind, das Beobachten des Wachsens, ja, das war ihr fremd, hatte sie doch bisher im­mer alleine alles bewältigen müssen. Ganz tief in ihr schlummerte die Angst, dass wieder etwas passieren konnte, die besonders stark wurde, wenn sie von Zeit zu Zeit einen schweren Migräneanfall bekam, der sie dann bewusstlos zu Boden warf. Doch hatte Christina sehr schnell gelernt, die nur zehn Kilometer entfernt praktizie­rende Großmutter anzurufen, die dann sofort in ihr Auto sprang, um die Tochter zu behandeln.
Wenn danach alles vorbei war, kam doch auch die Hoff­nung zurück, alles gut zu überstehen.
Die Jungen, Sven und Torsten, hatte Georg zu einem lan­gen Wochenende auch schon in das neue Heim geholt. Ein Kennen lernen ohne Probleme, friedvolles Miteinander. Die Kinder, froh den Vater um sich zu haben, tolerierten die neue Frau an seiner Seite, ja, der Große umarmte und küsste sie, was der Kleine noch nicht so auf Anhieb konnte, zu wenig verstand er die Zusammenhänge. Als sie wieder nach Hause gefahren waren, merkte Susi immer wieder, wie schwer Georg die Trennung von den über alles geliebten Söhnen fiel, die sich auch bei den Abschieden weinend an den Papa klammerten, nicht begreifend, wa­rum er nun immer so weit weg, also noch seltener da war. Mitunter hatte sie auch das Gefühl, dass er in besonders traurigen Momenten seinen Frust an ihr und Tina abließ, doch weil er sich immer sehr schnell wieder fing, sich entschuldigte, zwischendurch weinend auf dem Sofa lag, nahm sie sich vor, geduldig zu sein, Rücksicht zu nehmen auf seinen Schmerz, den er ihretwegen auf sich genommen hatte. Sie glaubte fest daran, dass die Zeit alles regeln würde, seine beiden Buben würden jedes zweite Wochenende kommen, in den Ferien wollte er sie holen, sie würden eine große Familie sein, aber alles musste erst mal seinen Gang ge­hen, seinen richtigen Weg finden. Auch Christina würde die immer wieder aufflackernde Scheu ‑ oder war es Angst? ‑ ablegen, musste sie sich doch auch erst nach fünf Jahren des Alleinlebens mit der Mama an den großen dun­kelhaarigen Mann mit der lauten Stimme gewöhnen.
In den Herbstferien waren Georgs Kinder für vierzehn Tage da. Alle zusammen hatten sie mit Martin eine Nachtwanderung unternommen im Wald, der nur zwanzig Schritte vom Haus entfernt begann, sie hatten gegrillt und die Marienburg besichtigt.
Weihnachten und Silvester waren voller Frieden und Freude vorbei gegangen. Am ersten Feiertag hatte Georg die Kinder für eine Woche geholt, mit seinen Eltern Frie­den geschlossen.
Susi fiel nun alles schwerer. Laufen im Ort war fast un­möglich, denn schwerste Schneefälle und Eisglätte hatten die Straßen fast unpassierbar gemacht. Immer wieder pei­nigten sie starke Rückenschmerzen, die sie auf ihre Nieren schob, denn als sie mit zweiundzwanzig Jahren Nieren­steine hatte, hatte der Arzt sie gewarnt, sie solle wenig Milch – und Käsepräparate zu sich nehmen, aber jetzt in der Schwangerschaft war doch das gerade wichtig. So trank sie immer wieder, wenn die Schmerzen aufflammten, ihren Nierentee.




1979

Der Januar brachte über ganz Norddeutschland eine Eis­glätte, dass auch Georg stöhnte, denn die Termine bei sei­ner Außendienstarbeit waren vielfach nur unter extremen Bedingungen einzuhalten. So übernachtete er auch mal bei wildfremdem Leuten, als er mit dem Auto auf Umwegen über die Dörfer in einen Graben rutschte.
Februar, der Winter wollte sich mal wieder richtig hart präsentieren, Schneefälle und wieder rutschten die Nieder­sachsen über spiegelglatte Straßen. Georg musste nach Bottrop, denn sein fünfjähriger Sohn kam ins Kranken­haus. Schon als Kleinstkind war ihm an einer Niere ein Tumor und ein Teil dieser Niere entfernt worden und er war in ständiger ärztlicher Kontrolle. So hatten plötzlich immer wieder die Blutwerte Alarm ausgelöst, besonders die Senkung zeigte, dass eine Entzündung im Körper war. Da man nichts entdecken konnte, nahm man ihm die Man­deln raus, die Werte verschlechterten sich. So entschlossen sich die Ärzte, den Blinddarm zu entfernen. Doch auch die folgenden Tage zeigten keine Besserung, also wurde er noch einmal gründlich auf den Kopf gestellt und man ent­deckte im Darm entzündete Ausstülpungen, so genannte Meckelsche Divertikel, die nun auch entfernt werden soll­ten. Die dritte Operation in drei Wochen. Georgs Nerven lagen blank.
„Fahr wieder hin, ich habe Martin und Silke hier, wenn etwas ist. Und ich habe noch sechs Wochen Zeit.“
Mit keinem Wort erwähnte sie die massiven Rücken­schmerzen, die sie wieder und wieder schüttelten, kein Tee half mehr.
So rief sie dann, als Georg abgefahren war, Martin an. „Bitte, kannst du mich zum Arzt fahren, es ist etwas nicht in Ordnung, ich habe Angst.“
Frau Dubberke, die oben wohnte, übernahm Tina und Oma. Das war auch für die Entbindungszeit abgesprochen, denn für Silke würde es zu­viel werden, da ihre beiden ja erst zwei und drei Jahre alt waren.
„Nur nicht aufregen, es wird schon gut gehen. Sie haben sich etwas übernommen.“
Der Gynäkologe schüttelte den Kopf. „Warum sind Sie nicht längst gekommen? Sie haben Wehen und zwar schon alle fünfzehn Minuten. Aber es ist noch zu früh, Sie haben eigentlich noch einige Wochen Zeit.“
„Wehen? Aber so habe ich das bei meiner Tochter nicht gehabt, ich dachte, ich habe Nierenkoliken, wie bei den Steinen.“
„Wie lange geht das denn schon so?“
„Nun, wohl seit vier Wochen etwa, ich habe dann immer meinen Nierentee getrunken, habe mich hingelegt und warm eingepackt. Dann wurde es besser.“
Keine halbe Stunde später lag Susi im Krankenhaus.
„Ich bringe dir nachher noch deinen Koffer und rufe Georg an, dass er nach Hause kommt.“ Martin wollte Susi beru­higen, doch sofort rief sie, „Nein, sag noch nichts, er muss jetzt bei seinem Sohn sein, ich habe ja noch Zeit. Sag ihm nur, ich sei zur Beobachtung hier.“
Die Krankenschwester gab ihr Wehen hemmende Medi­kamente, die aber nicht anschlugen. So bereitete der Chef­arzt sie darauf vor, dass die Geburt nicht mehr aufzuhalten sei. „Aber keine Angst, das wird alles gut gehen. Wir spritzen Ihnen Cortison, dass sich die Lungen des Babys entfalten, denn die arbeiten sonst nicht, das Kind ist über vier Wochen zu früh dran.“
Telefon, ein völlig erschöpfter Georg am Apparat. „Alles gut gegangen, meine Süße, der Bengel ist stark, seine Werte bessern sich jetzt stündlich, ich komme heute nach Hause. Was sagt der Arzt? Kann ich dich auch wieder ab­holen?“
„Georg, Schatz, der Arzt lässt mich nicht nach Hause, un­ser Baby will nicht mehr warten.“
„Waaas??? Mach keinen Blödsinn, warte auf mich, ich komme.“

Susi fühlte sich hilflos ausgeliefert, konnte sie doch nicht, wie bei Christinas Geburt mit dem Schmerz gehen, sich anders hinlegen, da sie an einem Arm einen Tropf hatte, der ihren Kreislauf stützen sollte, da sie nach dem Kollaps nur einen Blutdruck von 86 zu 49 hatte, Alarm für das Kind, seine Sauerstoffversorgung war gefährdet, um den Bauch hatte man ihr einen Gurt geschnallt, eine Sonde in die Scheide eingeführt und auf dem Kopf des Ungebore­nen befestigt, die Maschine neben ihr, das CTG, der Car­dio-Tokograph, zur Wehen- und Kindesherztonüberwa­chung eingesetzt, ratterte und knatterte.
„Das ist Ihr Herzton, das der Ihres Kindes und dies zeigt die Wehen an“, erklärte die Hebamme und wies auf die Zickzacklinien, die auf dem Papier sich zeigten, das der Apparat unermüdlich zeichnend ausspuckte, doch Susi wurde nur von Schmerzen gepeinigt, hatte kaum ein Ohr für die Erklärungen, wieder wurde ihr schwarz vor den Augen, doch die erfahrene Hebamme hatte schon einen Tupfer bereit, den sie der bleichen Frau unter die Nase hielt, die von dem beißenden Geruch sofort husten musste.
„Seien Sie doch vernünftig, lassen Sie sich doch eine Peri­dural-Anästhesie, eine Rückenmarksbetäubung machen, Sie schaffen es so nicht und das Kind bekommt immer zu wenig Sauerstoff, wenn sie kollabieren.“
Susi nickte nur noch schwach. Wie gerne hätte sie dieses Kind genau so leicht zur Welt gebracht, wie ihr erstes, doch es sollte nicht sein.
Bitte, beweg dich, zeig mir, dass du leben willst. Gott, gib ihm die Kraft, hilf uns …
Wie durch einen Schleier nahm Susi nun alles wahr, der Arzt, der sehr schnell da war, die beiden Schwestern, die sie zum Sitzen brachten und in den Wehen festhielten, während er mit geübter ruhiger Hand zuerst die Einstich­stelle an der Wirbelsäule desinfizierte, lokal betäubte und dann die speziell geschliffene Kanüle zwischen die Wirbel schob bis in den Epiduralraum, um dann das Medikament zu spritzen, das nun die Wurzeln der an dieser Stelle aus dem Rückenmark austretenden schmerzleitenden Nerven betäubte.
Ganz sanft wurde sie wieder auf ihr Kissen gebettet. Der Schmerz ließ nach und dann …Susi schreckte hoch, Panik ergriff sie, sie fühlte das Kind nicht mehr, alles wie leer … „Schnell, schnell, bitte, mein Kind bewegt sich nicht mehr, es stirbt, schnell, helfen sie mir … nicht schon wieder … nein … bitte!“
„Ganz ruhig, ruhig, bleiben Sie liegen … es passiert nichts, schauen sie auf das CTG, bitte, nicht aufregen, es ist alles in Ordnung, das Herz schlägt. Sie merken durch die Be­täubung nichts, aber alles geht normal weiter.“
Beruhigend redete die Hebamme auf Susi ein, strich ihr das nasse Haar aus dem Gesicht, streichelte die zitternden Hände.
„Alles geht jetzt seinen Gang, atmen ‑ atmen ‑ tief ein und aus, nicht mehr verkrampfen …“
Und dann kam der kleine Schrei, kläglich, bewegend und dann lag er auf ihrer Brust, der kleine Junge, der es so eilig hatte, kleiner Jan. Alle Last, alle Sorgen fielen ab, die so sehr zurückgehaltenen Tränen ließ sie befreit laufen, mit zartem Finger immer wieder diesem kleinen Kerl über die Wangen, die kleinen Hände streichelnd. Dann klingelte das Telefon, die Hebamme sprach …
„Wo stecken Sie denn? Sie sollten bei Ihrer Frau und Ih­rem Sohn sein. Herzlichen Glückwunsch.“ Und an Susi gewandt, „Ihr Mann duscht nur schnell und kommt dann. Er ist eben nach Hause gekommen. Und nun schauen wir uns mal den jungen Erdenbürger an, ob er langsam rosig wird.“
Aber er sah nicht rosig aus, eher etwas blau, und bevor Susi etwas fragen konnte, nahmen sie ihn ihr auch schon wieder weg, legten ihn unter eine Wärmelampe, hektisches Telefonieren, angstvoll ihr Blick, „… er atmet nicht mehr, Herzmassage …“ erreichten die Worte sie, hörte sie es wirklich? Ihr Herz krampfte sich zusammen, sie setzte sich auf, mühsam, mit dem wiederkehrenden Gefühl im unteren Bereich.
„Was ist los, was ist mit meinem Kind?“ Sie schrie es fast, da stand auch schon der Arzt bei ihr.
„Ruhig, alles gut, er wollte ein wenig aufhören zu atmen, hat ihn alles sehr angestrengt, er kommt jetzt erst mal auf die Frühgeborenenstation, wo er genau überwacht wird. Haben sie während der Schwangerschaft geraucht?“ „Ich habe noch nie im Leben geraucht.“ „Und ihr Mann?“ „Ja, der ist Raucher.“ „Hm, sicher hat er auch in ihrem Beisein geraucht…deshalb hat das Kind so Atemprobleme, die Plazenta zeigte es an, sie haben mehr Nikotin eingeatmet, als ihnen bewusst war.“
Schon kamen Schwestern rein, einen kleinen Inkubator vor sich her schiebend, die Hebamme zeigte den kleinen ein­gepackten Burschen noch einmal der schluchzenden Mut­ter, ja er bewegte sich, immer noch etwas bläulich verfärbt, aber er bewegte sich, und schon waren sie alle wieder weg, wie ein Spuk … sie wurde nun versorgt, die Nachgeburt noch einmal kontrolliert, das wiederkehrende Leben in Bauch und Rü­cken überwacht, ein neuer Kreislauftropf angehängt …
Und dann stand Georg da, sah fassungslos auf die schluch­zende geliebte Frau. Angst um sie und das Kind erfasste ihn, der gerade vom Krankenbett des einen Sohnes kam. Hatte ihn doch alles übermannt, als er zu Hause angekommen die Nachricht von der Geburt des Sohnes bekam; auf dem Ba­dewannenrand sitzend ließ er den Tränen der tagelangen Anspannung freien Lauf, um dann tief durchatmend end­lich Freude empfinden zu können. Und nun der Schock, aber sofort wurde er beruhigt.
„Sie können Ihr Kind auf der Frühgeborenenstation besu­chen, er hatte ein wenig Probleme mit der Atmung.“

Das Telefon auf dem Nachttisch riss Susi summend aus dem leichten Erschöpfungsschlaf. Immer nur ein, zwei Stunden blieben ihr zum Verschnaufen, dann riefen die Schwestern aus der Intensivstation wie verabredet an, denn immer, wenn der kleine Junge nur Anstalten machte, zu erwachen, eilte Susi durch die Gänge der Privatstation zum Aufzug, damit fuhr sie in den Keller, um dann die langen Flure unter den dicken Rohren entlang zu laufen in das Nebengebäude, dort stieg sie wieder in den Aufzug, der sie in die erste Etage brachte, um dann erneut an Türen vorbei, durch Gänge auf die Kinderstation zu laufen, um von dort aus noch einmal mit dem Fahrstuhl die Frühgeborenenin­tensivstation zu erreichen. Ein Weg, der sie schier zur Verzweiflung brachte, denn in dem hufeisenförmig ange­legten Gebäude wäre sie schneller über den Hof an ihr Ziel gekommen, doch da war kein Schnee geräumt, Schnee­massen verhinderten den Durchgang und so blieb ihr nur diese Möglichkeit, ihrem Kind die so wichtige Mutter­milch zukommen zu lassen, ihn mit der Pipette zu füttern, denn anders nahm er keine Nahrung zu sich.
Sie pumpte die Milch ab und brachte sie zur Station, wo sie warm gehalten wurde und wo die überschüssige Milch nach einer Untersuchung mit Absprache auch an den Säugling gefüttert wurde, der von niemandem besucht wurde, dessen Mutter nach ihrer Entlassung sich noch nicht einmal hatte blicken lassen.
Wieder und wieder hielt Susi den kleinen Körper ihres Sohnes, der bei der Geburt 3200 Gramm gewogen hatte, nun schon keine fünf Pfund mehr auf die Waage brachte, in den Armen, hielt ihn an sich gepresst, flüsterte ihm zu, wollte ihm ihre Kraft geben, denn er nahm weiter ab, eine heftige Gelbsucht hatte ihn gepackt, der Bilirubinspiegel wollte nicht sinken, er wirkte immer schläfrig, lethargisch, das war sicher die Folge der Medikamente. Mit Tränen in den Augen sah sie die zerstochenen winzi­gen Füße und Hände, wo wieder und wieder Blut ent­nommen wurde, nun schon aus den kleinen Venen, die sich kaum am Kopf abzeichneten.
„Was haben Sie noch mit ihm vor, ich sehe keinen Fort­schritt, jetzt bekommt er auch noch Antibiotika gegen den Soor, sagen Sie mir, was Sie tun wollen?“ Susi stand auf­gebracht vor Doktor Schulz, dem Leiter der Kinderabtei­lung.
„Wir müssen abwarten, wenn der Bilirubinwert nicht sinkt, sondern ansteigt, kann das Gehirn Schaden nehmen, also Geduld. Dann muss er auch erst sein Geburtsgewicht wie­der erreichen, um entlassen zu werden.“
„Aber sie versuchen nun schon seit zwei Wochen, die Werte zu stabilisieren. Ich sehe nur, dass mein Kind immer mehr abnimmt, immer schlapper wird, dadurch immer we­niger trinkt, das werde ich nicht hinnehmen. Ich nehme ihn mit nach Hause, auf eigene Verantwortung. Machen sie die Papiere fertig.“
Klar und hart kamen die Worte. Der Arzt sah sie verwun­dert an, hatte sie doch bisher nur mit leiser Stimme und unendlich geduldig gefragt und seine Anweisungen be­folgt.
„Seien sie nicht töricht, er ist so schwach, das bringt ihn um. Wollen sie zur Mörderin ihres Kindes werden?“
„Seien sie doch froh, wenn ich ihn mitnehme, denn wenn Sie so wenig Chance sehen, würde er doch ihre Quote ver­derben, wenn er sterben würde.“
Hoch erhobenen Hauptes verließ sie das Zimmer, ging schnurstracks zu ihrem Kind.
„Schwester Melanie, machen Sie meinen Sohn fertig, wir gehen nach Hause.“
„Aber das geht nicht, ich habe keine Anweisungen, er ist noch zu krank.“
„Ich habe in den vierzehn Tagen, die ich hier verbracht habe, keine Besserung sehen können, ganz im Gegenteil, es geht ihm von Tag zu Tag schlechter, nun nehme ich ihn mit, ich lasse ihn nicht mehr zerstechen, er leidet und damit ist nun Schluss.“
Schon vor einigen Tagen hatte Georg ihr Kleidung mitge­bracht. Sie passte schon wieder in ihre alten Sachen rein, denn die vielen Kilometer, die sie mehrmals am Tag durch die Flure der Klinik gelaufen war, hatten jedes Gramm zu­viel eingeschmolzen und mit dreiundsechzig Kilo war sie so schlank wie vor der Schwangerschaft.
Auf ihren Anruf hin kam Georg, um verwundert zu hören, was sie plante.
„Wenn du es für richtig hältst“, stimmte er ihr zu. Er war ohnehin wütend auf alle hier in diesem Bau, diesem ka­tholisch geführten Haus, hatte man ihn doch von Anfang an wie minderwertig behandelt, weil er nicht der Ehemann der Wöchnerin war, einzig die Hebamme hatte ihn wirk­lich herzlich begrüßt und ihm gratuliert.
So wunderte es ihn, dass Doktor Schulz ihn aufhielt, als er mit Susi seinen Sohn abholen wollte.
„Würden Sie bitte ihre Frau daran hindern, etwas Dummes und Unüberlegtes zu machen! Das Kind hat außerdem noch nicht die Tuberkuloseimpfung, weil Ihre Frau bisher nicht unterschrieben hat.“
„Wollen sie mich veralbern? Bisher war ich der letzte Dreck für Sie, da wurde mir kaum auf meine Fragen ge­antwortet, immer mit dem Hinweis, ich sei ja nicht mit der Kindesmutter verheiratet. Und nun auf einmal … Nein, gehen Sie mir aus dem Weg, wir wollen jetzt nach Hause.“

Die erste Woche war noch sehr schwierig, Jan trank noch immer nicht aus der Flasche, wurde weiterhin mit Löffel und Pipette ernährt. Immer wenn er die Augen nur öffnete, stand Susi bereit, Tag und Nacht. Sie kochte Schmelzflocken mit Wasser, mischte alles mit Muttermilch, rührte in den ersten Schluck immer etwas Lactisol, ein Milchsäurepräparat, um die Mund- und Darmflora des kleinen Kerls aufzubauen, denn noch immer hatte er Durchfall und einen massiven Soor. Aber von Tag zu Tag wurde es einfacher, er schlief tiefer, begann aus der Flasche zu trinken, sein Stuhlgang festigte sich, der Soor verschwand. Zwar hielt er sich im­mer noch nicht an die Vierstundenregel, aber das war Susi egal, er nahm zu und das alleine zählte.
Christina, froh ihre Mutter wieder zu haben, war stolz, wenn sie den kleinen Bruder halten und füttern durfte und Georg hatte seine anfängliche Sorge, seinen winzigen Sohn zu zerbrechen, wenn er ihn auf den Arm nahm, überwunden.
„Aber du hast doch schon zwei Kinder, das verstehe ich nicht, hattest du die nie auf dem Arm in den ersten Ta­gen?“
„Sie waren nicht so klein, so winzig und krank.“
Auch die Sorge um den operierten Sohn konnte er hinter sich lassen, denn dem ging es wieder richtig gut und er war schon zu Hause

Und dann, ganz friedlich schlief Oma im April ein. Sie mochte nicht gewaschen werden und auch nicht frühstü­cken,
„Ich bin so müde“, flüsterte sie.
„Dann schlaf noch etwas, danach geht es dir besser. Wa­schen können wir auch später.“
Susi streichelte ihre Hand, schaute immer mal wieder nach der alten Frau und stellte am Vormittag dann fest, dass der Schlaf in einen besonders tiefen, den ewigen Schlaf über­gegangen war. Susi ging auf die Terrasse, sie konnte nicht weinen, zu friedlich und schön war das Gesicht der Groß­mutter und sie war unendlich dankbar, diese Frau doch ge­gen die Prognose der Ärzte über viele Jahre begleitet zu haben, um ihr damit ein wenig ihren Dank geben zu kön­nen, Dank für Ferien, für schöne Stunden, Wochen des Friedens.
Ein Vogel sang, eifriges Gezwitscher überall, Nestbau, sprießende, schwellende Knospen, Frühling, ja, es war Frühling und sie hielt ihr Gesicht in die wärmende Sonne, schickte den letzten Gruß himmelwärts und dann ging sie ins Haus und rief den Arzt an.